Zwei Fremde auf einer griechischen Insel - Eine Reise - Teil II

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Wir sehen in den Nachrichten was in all den Ländern passiert, aus denen Menschen flüchten - Syrien, Irak, Afghanistan, Libyen, Somalia und zu vielen mehr. Und dann berichten die Nachrichten über die Auswirkungen, die das auf unser Land, unsere Kultur, unsere Zukunft hat. Ich hatte das Privileg, viele Newcomer auf ihrer schwierigen Reise in eine bessere Zukunft zu treffen. Komm mit auf den nächsten Teil unserer vierteiligen mimycri Reise.


Griechenland

Am 30. Dezember 2015 ist es kalt, dunkel und windig auf dem ägäischen Meer zwischen Cesme, in der Türkei und der griechischen Insel Chios. Es ist eine weitere Nacht, die ich mit einem anderen Freiwilligen in unserem kleinen und vollgepackten Auto verbringe. Wir beobachten den Horizont durch unsere Nachtsichtferngläser und versuchen auszumachen, ob die kleinen Lichter, die wir sehen, Fischer, die Küstenwache oder ein Boot voller Geflüchteter ist. Wir behalten alle Boote im Blick, fahren zu anderen Standorten und versuchen wach zu bleiben. 

Ich schaue auf eines meiner Handys und erhalte eine Nachricht des Flüchtlingsnetzwerks in der Türkei mit Koordinaten und arabischem Text. Es sind zwei Boote an der Küste Chios angekommen, aber die Menschen wissen nicht wo sie sind, wo die nächste Stadt sein könnte. Viele sind nass und kalt von der Überfahrt. Ungefähr 45 Frauen, Kinder und Männer haben gerade die gefährliche Reise über das Meer hinter sich, mitten in der Nacht, nur knappe 50 cm über der Wasseroberfläche.

Wir haben Glück sie schnell zu finden und mit Hilfe einer lokalen Ladenbesitzerin, die den Frauen und Kindern erlaubt, sich in ihrem Laden umzuziehen und aufzuwärmen, sind alle mit trockener Kleidung und etwas zu Essen versorgt. Jetzt müssen sie weiter zum Registrierungscamp.

Zurück bleibt ein Berg von Rettungswesten und die kaputten Schlauchboote, die mit jeder Welle gegen die Steine schlagen.

In dieser Nacht machten sich ungefähr 900 Menschen auf den Weg von der Küste Cesme's nach Griechenland.

Freiwilligenarbeit

Ich war eine von vielen unabhängigen Freiwilligen entlang der Balkanroute, die die Newcomer in schwierigen Situationen versucht haben, so gut wie möglich zu unterstützen. Eine Frage die viele von uns immer wieder beantworten müssen wenn wir über unsere Erfahrung reden ist, was einen dazu bringt, in ein anderes Land zu fahren und Fremden zu helfen? Hier ist meine Antwort:

Nachdem ich immer wieder Artikel über Situation gelesen habe, konnte ich mir nur vorstellen, welch eine Situation einen Menschen dazu bewegt, das Leben seiner Familie aufs Spiel zu setzen und eine solche Reise anzutreten. Eine Bekannt hatte an der serbisch-kroatischen Grenze berichtet und da die Semesterferien noch nicht zu Ende waren, beschloss ich kurzfristig auch zu helfen. Ich hatte Zeit und Energie aber kaum Geld. Es hat sich aber schnell ein Netzwerk aus Sponsoren gebildet um unsere Bemühungen zu unterstützen. Wir haben neben Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen mit größerem Budget gearbeitet und versucht, so gut es ging die Lücken im System zu füllen.

Ich habe an mehreren Stellen der Route, die die Newcomer auf dem Weg nach Europa zurück legen mussten, geholfen. In Südserbien haben wir unter anderem das Notwendigste wie Essen und Wasser verteilt. An der griechisch-mazedonischen Grenze haben wir eine Küche im Lager aufgebaut, wo wir bis zu 2.000 Mahlzeiten am Tag verteilten. Außerdem war ich in Izmir und im Libanon wo ich noch viel mehr über die Reise, die die Newcomer hinter sich legen, erfahren habe.

Es vergingen schließlich 6 Monate bis ich wieder nach Deutschland fuhr mit vielen neuen Erkenntnissen über Politik, Kultur und Menschen. Obwohl ich viel Schreckliches miterlebt habe, habe ich auch soviel Freundlichkeit, Unterstützung und Menschlichkeit erfahren dürfen.

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In diesen Nächten bin ich Teil der Reise einiger Newcomer geworden und sie Teil meiner. Ich habe zugesehen, wie die Schlauchboote an Land gespült wurden und dort verblieben sind als Zeitzeugen der Risiken der Reisenden. Heute schaue ich zurück auf meine Zeit an der Balkanroute und erinnere mich an all die Geschichten voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Jetzt als Teil der mimycri Familie möchte ich diese Geschichten der Menschen, die so viel riskiert haben, weitererzählen.

Sie sind Teil meines Lebens geworden und ich Teil ihres.


Lea WilmsenComment